Einführung in die Höhlenforschung
von Rainer Fabisch
Über Höhlen im Wesergebirge und Süntel ist bis heute in der Öffentlichkeit
recht wenig bekannt geworden. Auch gibt es keine umfassende Publikation über die Höhlen
dieser Region.
Nur Schillat (1959) gibt eine erste allgemeine Übersicht über
Höhlen des Wesergebirges.
Was Höhlen in Deutschland anbelangt, so denkt man zunächst an die Höhlen der
Schwäbischen Alb. Auch von Höhlen in der Fränkischen Alb oder im Sauerland,
im Harz sowie im ostdeutschen Rübeland und Kyffhäuser hat der eine oder
andere schon etwas gehört. Doch auch im nördlichen Teil des Weserberglandes,
im Süntel und Wesergebirge, gibt es Höhlen.
Hierbei handelt es sich um das am weitesten nördlich gelegene, zusammenhängende
Höhlenverbreitungsgebiet Deutschlands.
Gerade die Süntelhöhlen bieten organisierten Höhlenforschern ein breites
Betätigungsfeld, verfügen einige von ihnen über eine einzigartige,
erschöpfende Vielfalt des Sinterformenschatzes. Aber nicht nur die
attraktiven Tropfsteinhöhlen, sondern auch die Klufthöhlen des Wesergebirges
lassen das Forscherherz höherschlagen, wenn in ihnen beispielsweise
Menschenschädel und Keramikfragmente aus der Steinzeit entdeckt werden.
Während die Erforschung der Klufthöhlen als Kult - oder Wohnstätte
im weiter östlich gelegenen Ith (Geschwinde 1988) schon über
100 Jahre andauert, hat sie im Wesergebirge gerade begonnen.
Dieser Bericht hat zum Ziel, eine umfassende Übersicht der Höhlen des
nördlichsten deutschen Jurakarstgebietes zu geben. Weiter soll er Verständnis
wecken für Höhlen- und Fledermausschutz und er soll bekannt machen mit Inhalten
der Höhlenforschung (weiterführende allgemeine Literatur hierzu siehe Trimmel
1968, Bauer 1971, Franke 1982, Kempe 1982).
Einige höhlenforschende Wissenschaftler haben sich Gedanken gemacht, wie
Höhlenkunde (Speläologie) in den Verbund der Naturwissenschaften einzuordnen ist.
Nach Bögli (1954) strebt die Speläologie auf der Grundlage der
Geomorphologie eine Synthese aller mit der Höhle direkt verbundenen Erscheinungen an.
Ziel ist die Beschreibung einer Landschaft im geographischen Sinne, der Höhlenlandschaft.
Die Speläologie versucht, die Höhle als Ganzheit, als Zusammenwirken
physikalischer, chemischer und biologischer Kräfte zu erfassen. Soweit ist die
Speläologie eine selbständige Wissenschaft, die der Geographie sehr nahe steht.
Franke (1979) sieht die Speläologie, die wissenschaftliche Höhlenforschung,
an der Kreuzungsstelle von naturwissenschaftlichen und geschichtlichen Fragestellungen
und Inhalten:
- Natürliche Hohlräume in ihrer Bildung, Entwicklung und ihrem Verfall (Geologie)
- Karsthöhlen als natürliche Abflusswege des Wassers (Hydrologie)
- Untersuchung des Höhleninhalts (Petrographie / Mineralogie)
- Jetzige Höhlenlebewesen und ausgestorbener Tiere (Biologie)
- Lebensspuren des prähistorischen Menschen (Vorgeschichte)
Die Höhlenwelt ist eine andere Welt. Die großen Unterschiede
gegenüber "draußen" sind absolute Dunkelheit, eine Ruhe, die durch das periodische
Aufschlagen tropfsteinbildender Wassertropfen in sich gegliedert ist,und das ganze
Jahr gleich bleibender klimatische Verhältnisse von etwa 8 Grad Celsius im
mitteleuropäischen Raum. In einer Umgebung ohne akustische und/oder optischer
Reize lassen sich Eindrücke sammeln, die man von der reizüberfluteten
Außenwelt her nicht kennt - doch ist man froh, wenn die Taschenlampe /
Karbidlampe wieder leuchtet.
Traum eines jeden Höhlenforschers ist es, unterirdisches Neuland zu betreten
und eine neue Höhle zu entdecken. Der Verfasser hatte das unglaubliche Glück,
die Schillathöhle, die bis dato zweitlängste Höhle am Riesenberg im
Süntel, als erster bis zu ihrem derzeitigen Ende hin zu erkunden. In dieser
Situation wurden im wahrsten Sinne des Wortes gemischte Gefühle wach, die sich
aus Glück, purer Angst vor dem Unbekannten und hochangespannter Erwartung zusammensetzten.
Leider zählen zu den Besuchern von Höhlen nicht nur die, die in Höhlenvereinen organisiert sind und eng mit der Naturschutzbehörde zusammenarbeiten, sondern auch solche, die aus völlig anderen Beweggründen in die Höhle gehen.
Krieg (1985) stellt hierzu fest: "Schon seit Jahren zeigt sich der Trend, Höhlen als die letzten Abenteuerspielplätze der Welt darzustellen und Höhlenforschung als sportliche Sonderleistung zeitgemäß dynamisch und wagemutiger Supermänner in einer breiten Konsumentenschicht zu propagieren. Dies funktioniert ohne einen Bezug zur institutionalisierten Höhlenforschung. Oft wird diese sogar als Hindernis empfunden, da der Alltag im mythologisierenden und heroisierenden emotionalen Darstellungsstil des Boulevardtrends allzu ernüchternd wirken könnte."
Manche Menschen haben eine recht eigenwillige Auffassung von Höhlenforschung
und sehen hierin eine naturverbundene Freizeitbeschäftigung nicht nur in
Schauhöhlen, sondern auch in unerschlossenen Höhlen und Stollen. Doch bleibt
es hierbei nicht beim Anschauen, Erkunden und Fotografieren, sondern es kommt
zur Plünderung des Tropfstein - und Mineralieninventars, zur Verunreinigung der
Höhle durch Abbrennen von Fackeln, zur Entwicklung von wilden Müllkippen mit von
Höhlenbesuchern zurückgelassenen Abfällen, wie leere Büchsen, Karbid - und
Verpackungsreste usw.
Um diese Entwicklung zu kontrollieren, ordnen staatliche Institionen wie Forst und
Bergämter immer häufiger den Verschluss der Höhleneingänge an.
Die wichtigsten Höhlen wurden zu Naturdenkmalen erklärt, wie die
Langenfelder Höhle und die Riesenberghöhle im Süntel. Heute sind im Süntel und
Wesergebirge so gut wie alle schützenswerten Höhlen verschlossen, die damit vor
unverbesserlichen Höhlenvandalen geschützt sind und ungestörte Sommer und
Winterquartiere für vom Aussterben bedrohten Fledermäusen darstellen.
Literaturliste
- Arnold, A. (1984):
- Bemerkungen zum Höhlenschutz - Mitt. Verb. dt. Höhlen - u. Karstforsch., 30, 1, 4-6, München
- Bauer, E. W.(1971):
- Höhlen. Welt ohne Sonne. - Österreichischer Bundesverlag, Wien.
- Bögli, A. (1954):
- Die Höhlenforschung und ihre Stellung in der Wissenschaft. Naturwissenschaftliche Rundschau, 6, 240-245, Stuttgart.
- Franke, H. W. (1979):
- Die Bedeutung der Höhlenforschung für die Naturwissenschaften. Akten des internationalen Symposiums zur Geschichte der Höhlenforschung Wien, 26-29,Wien 1984.
- Franke, H. W. (1982):
- Geheimnisvolle Höhlenwelt. - Frankfurt/M. - Berlin; Wien: Ullstein.
- Fricke, U. (1985):
- Praktischer Höhlenschutz durch Verschlüsse sowie begleitende Maßnahmen. - Mitt.Verb.dt.Höhlen-und Karstforsch., 31 (3), 50-64, München.
- Geschwinde, M. (1988):
- Höhlen im Ith - Urgeschichtliche Opferstätten im südniedersächsischen Bergland. - Veröffentlichungen der urgeschichtlichen Sammlungen Des Landesmuseums zu Hannover, 33, Verlag August Lax Hildesheim
- Kempe, S. [Hrsg.] (1982):
- HB Bildatlas Spezial 4: Höhlen in Deutschland, Hamburg.
- Krieg, F. (1985):
- Thesenpapier zur Reaktion unseres Verbandes auf den Höhlentourismus - Trend. - Mitt.Verband dt.Höhlen- u.Karstforsch., 31 (4) 72 - 74, München.
- Schillat, B. (1959):
- In den Höhlen des Weser-Berglandes. - Sonderdruck aus: Der Aufschluss, 10, 2, 29 - 31.
- Trimmel, H. (1968):
- Höhlenkunde. - F.Vieweg & Sohn, Braunschweig.
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